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Vorgeschichte und politisches Umfeld der Gründung des DSB 1861 in Gotha
als Übersicht zusammengestellt von Dr. rer. nat., Dr. med. Werner Müller, Erlangen, geschäftsführender Vorsitzender des Förderverein e.V. für die Gründungsstätte Gotha von 1861 des Deutschen Schützenbundes (FVGSG) von 2004 bis 2007

Dr.Dr. Werner Müller aus Erlangen führt z.z. ehrenamtlich den Förderverein zum Erhalt des Gothaer Schützenhofes.Blicken wir weit zurück: Nach einer ersten Hochblüte des deutschen Schützenwesens mit einem schier endlosenSchützengilde Rothenburg ob der Tauber - Scheibenschießen um 1480 Reigen überregionaler, großer Schützenfeste, Freischießen (z.B. 1286 Schweidnitz, 1297 Magdeburg, 1367 Frankfurt ... 1554 Dresden, 1579 Nürnberg, 1582 Straßburg, 1586 Regensburg, 1592 Frankfurt ... )  und schier unübersehbar vielen Vereinsgründungen im Spätmittelalter / beginnende Neuzeit (derzeit bestehen noch mindestens 32 Vereine mit Gründungsdatum vor 1300, aus dem 14. Jahrhundert finden sich heute noch mind. 85 Vereine und aus den Jahren 1400 – 1499 gar noch über 260!)  folgte ein Niedergang zu gelegentlichen lustlosen Schießveranstaltungen im 17. und 18. Jahrhundert. (Während dieser zwei Jahrhunderte hatte in manchen Regionen auch der höhere Adel Schützen- feste ausgerichtet, sei es zur allgemeinen Unterhaltung oder als dominierender Programmbestandteil bei größeren Ereignissen, wie z.B. im kurfürstlichen Sachsen). Das 19. Jahrhundert war dann die Zeit des Umbruches oder besser des Aufbruches und der Wiederbelebung.

Der geschlagene Napoleon.

(Mit der Niederlage am 22. Mai 1809 bei Aspern südlich von Wien sank Napoleons Stern. Neben der verlorenen Schlacht war dies für Napoleon auch eine moralische Niederlage, er war nicht mehr unbesiegbar. Die Einstellung ihm gegenüber begann sich aber bereits seit der Kaiserkrönung (2.12.1804) zu ändern, da – ausgehend von Künstlern und Intellektuellen – in ihm nicht mehr der geniale Vollender der Ideale der französischen Revolution bewundert wurde sondern man sah in ihm immer mehr den Besatzer (Wegen des Druckwerkes “Deutschland in seiner tiefen Erniedrigung“ wurde 1806 der Nürnberger Verleger J. Ph. Palm hingerichtet, da er den Autor dieses bei ihm erschienen Werkes nicht preisgab).

Unsere Nationalfarben stammen aus der Zeit der Befreiungskriege.Aus den deutschen Niederlagen und der Ablehnung der Fremdherrschaft keimte in breitesten Volksschichten  eine alles durchdringende patriotische Sehnsucht nach Heimat und gemeinsamer Geborgenheit, verbunden mit einem erwachenden überregionalen Wirgefühl.  Es gab ja kein starkes, dauerhaftes politisches Band mehr, das alle deutschen Lande zusammenschloss. Der „Deutsche Bund“ (Wiener Kongress 1815) bedeutete für die Einigungsbestrebungen der PatAuszug der Jenenser Studenten in den Freiheitskrieg 1813 - Ferdinand Hodler (1908) für die FSU Jenarioten keinerlei Fortschritt, da er eine Legitimation der territorialen Eigenständigkeit von 39 deutschen (Klein-)Staaten war, also eine Zementierung des Partikularismus bedeutete. Dennoch oder gerade deshalb öffneten sich überall immer stärker sprudelnde Quellen und ergossen ihre Idee des Nationalbewusstseins; was F. v. Schiller 1785 in seiner Ode „Freude schöner Götterfunken“ ausdrückte, wurde immer offenkundigeres allgemeines Empfinden (man lese alle 5 Strophen). Zu dem aus der Aufklärung und der französischen Revolution stammenden Denken trat also die Sehnsucht nach einer deutschen Einheit, zumal die Erfahrungen aus den Befreiungskriegen 1813/14 neuerliche militärische Unterlegenheit bei fortdauernder Kleinstaaterei befürchten ließen. Unterstützt wurden die Einigungsbestrebungen nicht nur durch das geistige Erwachen (Musik, Literatur, bildende Kunst, Wissenschaft, ...) sondern auch von technischen und wirtschaftlichen Neuerungen und Vereinheitlichungen (Eisenbahn, Zollverein, Währungen, Telegraphie, Post, metrisches System, Druckverfahren, ... „industrielle Revolution“), wodurch Grenzen immer wieder ad absurdum geführt wurden.
Das Hammbacher Fest mit schwarz-rot-goldenen Farben.Nicht zu unterschätzen waren auch die ausländischen Vorbilder von Freiheitsliebe und Nationalbewusstsein, z.B. Frankreich, Spanien, Italien, Griechenland und ganz besonders  USA, Schweiz und Tirol. All dies und die dadurch entstehenden sozialen Probleme führten zu den Einigungsbestrebungen „von unten“: die Turnerei ab 1810, das Burschenschaftsfest auf der Wartburg 1817, das Hambacher Fest 1832 (also Beispiele aus dem „Vormärz“)  und schließlich 1848!  Zusammenfassung: In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts standen sich die aus absolutistischen Zeiten überkommene Fürstensouveränität und andererseits die aus der europäischen Aufklärung und der französischen Revolution erwachsene Forderung nach Volkssouveränität (und nach den politischen Grundrechten der Pressefreiheit, der Versammlungs- und Vereinsfreiheit) konfliktträchtig einander gegenüber, jedoch mit einigen Ausnahmen wie z.B. im liberalen Herzogtum Sachsen-Coburg-Gotha).

Der Stammsitz des Herzoghauses Sachsen-Coburg-Gotha.Wer sich mit der deutschen Geschichte dieses Jahrhunderts beschäftigt, speziell mit den zur Reichsgründung führenden Strömungen und Ereignissen (18.1.1871 wird König Wilhelm I. von Preußen im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles zum Deutschen Kaiser ausgerufen), stößt unausweichlich auf den Satz: „Turner, Sänger, Schützen sind des Reiches Stützen“ bis hin zu „... sind des Reichs Erbauer“. Im Ergebnis mag darin einige Wahrheit liegen, die Vorgeschichten sind jedoch grundverschieden.

Nach dem Abgang Napoleons gesellte sich zu dem Wunsch nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit immer stärker auch der nach einem einzigen Vaterland („Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern, ...“ F. v. Schiller, Wilhelm Tell II,2). Auch das Scheitern der Revolution 1848, der Misserfolg der Nationalversammlung sowie Zügel in Form von Verordnungen konnten die keimende Idee der Volkssouveränität nicht hemmen. (Die oben dargelegte Entwicklung lebte besonders in den 60er Jahren durch die preußisch-österreichische Rivalität um die Hegemonie in Deutschland wieder auf, welche die Einheitsbestrebungen weiterhin blockierte). Besonders die mit Friedrich Ludwig Jahn an die Öffentlichkeit getretenen Turner (ab 1810, die neuen Turnvereine erfassten meist auch das Kleinbürgertum) nahmen diese Ideen freudig auf. Dabei mündeten ihre öffentlichen Auftritte, bei denen die „Deutsche Turnerei“ altdeutsch angehaucht sich mit burschenschaftlichem Gehabe schmückte, sehr oft in massives Agitieren gegen die Obrigkeit.

Turnvater Jahn.Man fühlte sich ja physisch bestens trainiert dem Heer ebenbürtig, ideell ihm sogar deutlich überlegen. Die Schützen jedoch, diese „bewaffneten Zivilisten“, standen ruhig und sicher auf eigenem, historisch gewachsenem Boden. Im Gegensatz zu den Turnern, die als neue Gruppierung die Bühne betraten, fielen die Schützen nicht besonders auf, da sie ja „schon immer“ da waren. Auch traten sie – trotz oder wegen ihrer Jahrhunderte alten Historie – nur zu festgelegten Anlässen an die Öffentlichkeit. Wenn sie dies bei einem ihrer traditionellen Schützenfeste taten, dann waren diese Auftritte verglichen mit den großen noch jungen Turnfesten nur eine Kleinbühne mit historischem, unpolitischem Spiel. Auch enthielten sich die Schützen dabei jeglicher Demagogie, man war konservativ und loyal eingestellt (gegenüber wem auch immer), nationalistischer Eifer lag ihnen fern. Dafür ließ man sie nicht nur ihre Traditionen pflegen sondern sie wurden häufig sogar belohnt. So nahm z.B. König Friedrich Wilhelm III. von Preußen im rheinischen Polch 1819 die Ehrenmitgliedswürde in der St. Sebastianus Schützenbruderschaft (gegr. 1214) an, während er zur selben Zeit den Turnvater Jahn für sechs Jahre verhaften ließ.

Nur zögerlich änderte sich dieses Leben als „Zaungast der Geschichte“ durch den an einigen  Orten aufkeimenden Liberalismus. Auch die Schützen gerieten in den Sog vermehrter Gründungen mehr oder weniger politischer Verbindungen mit den zugehörigen „Wanderversammlungen“. Dies waren regelmäßige, meist jährliche Zusammenkünfte in jeweils wechselnden Städten, wobei sich auf diesen Festen und Kongressen aller Disziplinen auch immer die öffentliche Meinung Bahn brach und die politische Diskussion breiten Raum einnahm. Beispielhaft seien hier genannt: Die Deutsche Burschenschaft gegr. 1815 (das 1. Allgemeine Deutsche Kommersbuch erschien erst Das Schießhaus der Gothaer Altschützen.1858), die Versammlungen der Deutschen Naturforscher und Ärzte ab 1822, die Versammlungen der Deutschen Land- und Forstwirte ab 1836, die Allgemeinen Deutschen Lehrerversammlungen ab 1849 (die 4. fand vom 1. bis 3. Juni 1852 im Schießhaus zu Gotha statt), der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) gegr. 1856 usw.

1841 fand das erste überregionale Turnertreffen in Frankfurt a.M. statt, 1860 erfolgte in Coburg in der herzoglichen Reithalle die „Beinahe-Wiedergründung“ des Turnerbundes  anlässlich des dort stattfindenden 1. Deutschen Turn- und Jugendfestes (16. – 19. Juni, 970 beteiligte Turner). Im selben Coburger Gebäude gelang am 21. Sept. 1862 die Gründung des Deutschen Sängerbundes; vorausgegangen war bereits 1847 das Allgemeine Deutsche Sängerfest in Lübeck und eine Versammlung der thüringischen Gesangsvereine in Gotha im  April 1860. Der Ablauf war also einander ähnlich: einer oder mehreren Zusammenkünften  folgte die Verbandsgründung im liberalen Herzogtum Sachsen-Coburg und Gotha.

Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg-Gotha als Schütze.Ein besonderes Vorbild für die Schützen war der „Schweizer Schützenverein“, der seit seiner Gründung 1824 in Aarau seine Mitglieder etwa alle zwei Jahre zu einem großen, nationalen Schützenfest zusammenrief. (In seiner Novelle „Das Fähnlein der sieben Aufrechten“, erschienen 1860 in Auerbachs Volkskalender, dient Gottfried Keller das 1849er Schützenfest, welches nach 25 Jahren wieder in Aarau abgehalten wurde, als historischer Hintergrund).  Diesem Beispiel folgten trotz nationalpolitischer Indolenz der deutschen Schützen regionale deutsche Zusammenschlüsse, z.B. 1850 der Württembergische Landesschützenverein, der Oberschwäbische Schützenbund von 1855 oder gar das „Verbrüderungsfest der Schützenverbände“, das bereits 1848 in Ehrenbreitstein am Rhein  gefeiert wurde. So war es durchaus zeitnah, dass die Gothaer Altschützen (erste Erwähnung 1168) für 1859 ein gesamtdeutsches Schützenfest planten, das aber wegen des österreichisch-italienischen Krieges nur ein regionales Treffen einiger Schützenvereine blieb. Da der Wunsch nach Vereinigung sowie nach Vereinheitlichung von schießtechnischen Wettkampfbedingungen auf überregionaler Basis jedoch imperative Formen annahm, setzten sich am 15. Mai 1861 Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha, ein relativ „kleiner“ Regent, mit einigen Gothaer Altschützen, einigen Turnerfunktionären u.a. (darunter z.B. Rudolf v. Bennigsen, Gründer des „Deutschen Nationalvereins“ 1859) zusammen. Dies wurde zur Vorbesprechung für das erste umfassende „Deutsche Schützenfest“, welches bereits acht (!)  Wochen danach vom 8. bis 11. Juli 1861 in Gotha gefeiert werden konnte. Als Ziele dieses Festes galten die „Förderung der Kunst des Büchsenschießens“, die Anregung zur „Wehrhaftmachung aller waffenfähiger Deutscher“ (ohne paramilitärischen Charakter), die Abhaltung eines regelmäßigen Schützenfestes und vor allem die Pflege der „Geselligkeit“ (gerade in dieser Hinsicht genossen selbst kleine, regionale „Deutschen Schützenfeste“ hohes internationales Ansehen, sodass dies sogar ein feststehender rühmender Ausdruck wurde). Die Schützen ließen sich also nicht vor den Wagen „Bildung eines Revolutionsheeres“ spannen, wie es bei den Turnern häufig gelang.
Förderverein e.V. für das Deutsche Schützenmuseum und die Gründungsstätte Gotha von 1861 des Deutschen Schützenbundes
Zur Bedeutung der Gründungsstätte des ersten deutschen Sportverbandes, des Deutschen Schützenbundes, in GothaAlbert Gotthilf Sterzing - Erster Präsident des Deutschen SchützenbundesZur Rolle Herzog Ernst II von Sachsen-Coburg und Gotha bei der Gründung des ersten deutschen Sportverbandes des Deutschen SchützenbundesZur Geschichte der Gothaer AltschützenGothaer Schützenordnung von 1442